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"Inseln als Balsam für die Seele," von Thomas Heuzeroth, Welt am Sonntag, 9. Juni 2002
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Wenn Farhad Vladi über Robinson Crusoe redet, vergisst er die Zeit. Mehr als ein Dutzend historische Ausgaben des Romans von Daniel Defoe reihen sich in seinem Regal aneinander, als wollten sie das Abenteuer des Schiffbrüchigen immer wieder neu erzählen. Behutsam nimmt Vladi einen Ledereinband mit Goldschnitt heraus und blättert darin. „Kein anderes Buch nach der Bibel ist so häufig gedruckt worden", sagt er über die Geschichte, die ihn schon als Kind mit einem Traum versorgte. Und kein anderer Traum hat sein Leben so sehr bestimmt wie dieser.
Noch bevor ich lesen konnte, wollte ich meine eigene lnsel", sagt der 57 jährige Hamburger, der damals unter den Kindern, die in diesem Alter meist Feuerwehrmann werden wollten, als Exot galt. Doch der Sohn einer deutschen Hausfrau und eines persischen Kaufmanns träumte diesen Traum weiter. Wieder und wieder musste seine Mutter ihm das Abenteuer vorlesen. Heute besitzt er sein eigenes Inselreich - in Kanada und Neuseeland.
Mehr noch: Vladi handelt mit Lebensträumen. Er nennt sie „Sehnsüchte". Nur wer die Gefühle beiseite lässt, sagt einfach „lnseln" dazu. Zu seinen Kunden gehören Filmstars, Könige, Millionäre. Doch Makler mag er sich nicht nennen lassen, auch bei der Bezeichnung „lnsel-Verkäufer" verzieht er leicht das Gesicht. „Kunsthändler", schlägt er vor, um damit den nötigen Respekt vor den Träumen auszudrücken. 1000 von ihnen hat er bereits verkauft. Konkurrenz gibt es nicht. „Vladi Private Islands" steht in aller Bescheidenheit auf den Messingschildern seines Unternehmens im kanadischen Halifax und an der Hamburger Binnenalster.
Sein eigenes Reich würde Vladi um keinen Preis wieder hergeben. Zwei Jahrzehnte ist es her, dass er endlich den Fuß auf seine eigene Insel setzen durfte. Sleepy Cove liegt inmitten eines Sees in Neuschottland. „Eine kleine Insel in Kanada", sagt er. Und eigentlich nur ein Meilenstein zu seinem ganzen Stolz: Forsyth Island im neuseeländischen Marlborough Sounds. Hier im südlichen Pazifik also liegt sein Vermögen. Eine Insel, von der Vladi meint, sie sei mit Abstand der schönste Flecken Erde. Wer einmal durch die neuseeländische Fjordlandschaft am Nordzipfel der Südinsel gefahren ist, wird ihm kaum zu widersprechen wagen.
„Forsyth ist Balsam für die Seele", sagt Vladi, der von sich selbst behauptet, ehrgeizig, hartnäckig, rastlos und zugleich geduldig zu sein. Mehrmals im Jahr fliegt er um den halben Globus, um in eine Welt einzutauchen, die so wenig mit Hamburg zu tun hat. Wo sich der Wert einer Insel an der Ertragskraft für die Schafzucht bemisst. Acht Stunden benötigt Vladi, um mit einem Kajak sein kleines Reich zu umrunden. Noch lieber aber erobert er Forsyth mit seinem Quadro-Mobil oder fährt mit dem Boot hinaus zum Fischen.
Hundert Schafe und ebenso viele Mohairziegen teilen sich die Insel mit ihm und dem vollbärtigen Peter Hoade, seinem neuseeländischen Verwalter. Fachmännisch parliert Vladi über die Sprunghöhe der Ziegen und das Scheren der Schafe. Er liebt es, mit den Fischern der Gegend über seinen Inselnachbarn, den Eremiten, zu reden oder nachts auf die Veranda zu treten, um mit seinem Teleskop den Sternenhimmel in greifbare Nähe zu rücken. „Nur auf einer Insel ist man wirklich Mensch", sagt Vladi.
Die Schar der Inselbesitzer ist äußerst exklusiv. Darüber spricht Vladi aber nur ungern. „Viele Prominente kaufen sich eine Insel, um dem Trubel zu entgehen", begründet er die Verschwiegenheit. Erst nach mehrmaligem Nachfragen erlaubt er seiner Diskretion einen kleinen Schluckauf: Tony Curtis, Diana Ross, die Kelly Family, Richard Branson, Marlon Brando; Nicolas Cage sucht eine Insel in der Nähe von Venedig. Einen Palazzo will er sich gleich dazukaufen. „Das muss jetzt aber reichen." Vladi lächelt.
Und doch weiß der Insel-Mann zu jedem Namen eine kleine Geschichte zu erzählen. Die über den Hubschrauber-Getriebeschaden, der ihn während einer Inselbesichtigung aus der Luft beinahe gemeinsam mit Nicolas Cage sowie dessen Ex-Freundin und Elvis Tochter Lisa Marie Presley in die Tiefe gerissen hätte. Oder die über das britische Kriegsschiff im Hafen von Victoria, das er mit Erlaubnis der Londoner Generaladmiralität und des Präsidenten der Seychellen kurzerhand charterte, um der Familie des Schahs von Persien eine Insel zu zeigen. „Jetzt aber genug." Diesmal wirklich.
Vladi prahlt nicht gern mit seinen Bekanntschaften. Große Berichte über ihn in der „New York Times", in „People" oder „Forbes" spielt er schnell herunter. Er selber würde sich nie einen Millionär nennen. Dazu ist er zu sehr Hamburger. „Wer anfangt, sein Geld zu zählen, hat es schon verloren." Allzu gern zerstört Vladi die lllusion, dass sich nur Millionäre eine Insel leisten könnten. Eine Insel in Irland gibt es bereits für 30000 Euro. Ohne Bäume allerdings.
Obwohl Inselbesitzer starke Individualisten seien, habe niemand alle Brücken hinter sich abgebrochen. Ein bisschen Zivilisation muss schon sein. Auch Vladi würde niemals auf Schubert und Brahms verzichten wollen. „Eine Insel ist kein Zufluchtsort für immer", sagt er. Und so bleibt das Abenteuer von Robinson Crusoe schließlich doch nur ein Traum.
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